Jesus war Flüchtling

Als die drei Weisen aus dem Morgenland sich bei König Herodes nach dem neugeborenen König erkundigten, den sie besuchen wollten, erstarrte dieser bis aufs Mark. Die Neuigkeit gefährdete akut seine eigene Machtposition. Nach der Erzählung des Matthäusevangeliums beschloss Herodes darum sogleich, alle neugeborenen israelitischen Knaben töten zu lassen. Im Traum forderte Gott Josef eindringlich auf, mit Maria und dem Baby nach Ägypten zu fliehen. So kam es, dass Jesus und seine Eltern Flüchtlinge wurden und im Nachbarland Ägypten Asyl erhielten.

Die ägyptischen Christen sind bis heute stolz darauf, dass ihr Land unwissentlich die Heilige Familie aufnahm und dem Asylantenkind Jesus zur ersten Heimat wurde. «Wir haben einfach getan, was der neutestamentliche Hebräerbrief verlangt: Vergesst nicht, gastfreundlich zu sein, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt», sagt der koptische Christ Nagib mit etwas geschwellter Brust.

In der Geschichte der Flucht der Heiligen Familie spiegeln sich Millionen von Migrationsschicksalen. Unzählige Menschen mussten sich im Laufe der Jahrhunderte in der Hoffnung auf Sicherheit für sich und ihre Familie auf den Weg machen und darauf vertrauen, dass Menschen mit anderer Sprache, Geschichte, Hautfarbe, Religion und Kultur ihre Grenzen für sie öffnen.

Die Flüchtlingsthematik ist in den letzten beiden Jahren einem anderen, omnipräsenten Thema gewichen. Dabei sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht, wie schon lange nicht mehr. Und Corona hat ihre dramatische Situation an den Grenzen noch zusätzlich verschärft.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass «Corona» das Unwort des Jahres 2021 wird. Aber es ist «Pushback» geworden. «Pushback» heisst übersetzt «Zurückschieben». Das Wort bezeichnet die Verweigerung des Einlasses von Geflüchteten an den Grenzen. Zum Unwort des Jahres ist es geworden, weil es beschönigt, was eigentlich wirklich geschieht: den Menschen wird willkürlich die Beantragung von Asyl und der Zugang zu humanitärer Hilfe verweigert. Und das verstösst gegen die Menschenrechte, das Völkerrecht und jegliches Mitgefühl. Was, wenn Jesus damals keine Hilfe erhalten hätte? Was, wenn es mein Kind wäre, das da an der Grenze erfriert?

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